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05.09. – 19.10.2008

IFA Galerie Stuttgart

BRAVE NEW WORLD (Schöne neue Welt)

http://cms.ifa.de/ausstellungen/dt/ifa-galerie-stuttgart/

 

Works in Progress

PRIMACENTAR- Skopje/Berlin: Kornelija Koneska, Jovan Balov

UNIVERSITY AMERICAN COLLEGE SKOPJE: Kokan Grcev

FACULTY OF ARCHITECTURE Skopje: Mitko Hadzi Pulja, Minas Bakalcev

 

         

         

         

„Schöne neue Welt. Zur Umgestaltung von Städten in Mittel- und Osteuropa“

am 4. September 2008 in der ifa-Galerie Stuttgart

 

„O Wunder! ... Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“  ruft Miranda, die nur mit ihrem Vater Prospero und dem Sklaven Caliban auf einer abgeschiedenen Insel aufgewachsen ist, voll Entzücken aus, als sie erstmals anderen Menschen begegnet... Schon Miranda in Shakespeares „Sturm“ irrte sich gewaltig! Aldous Huxley übernimmt 1932 diese Fehleinschätzung als Titel seines Romans; er siedelt „Brave New World“ an im Jahr 2540 und beschreibt eine neue Welt, in der Glück das Ziel des alles kontrollierenden und regulierenden Staates ist – und Gemeinschaft, Gleichheit, Stabilität sein Motto. Auch wir zitieren Shakespeare und Huxley, wenn wir uns mit Entwicklungen und Veränderungen in Europa – und beileibe nicht nur in Osteuropa – auseinandersetzen, in einer Zeit, die nicht (oder nicht mehr) von Gemeinschaft, Gleichheit und Stabilität geprägt ist. 

         

         

 

Nachdem wir Ihnen in den vergangenen 2  Jahren in der Reihe „STADTanSICHTEN“ Megacities wie Istanbul, Moskau, Seoul, Lagos, Kairo oder Peking vorgestellt haben, setzten wir uns in der von der ifa-Galerie Berlin konzipierten  Ausstellung „Schöne neue Welt“ mit aktuellen Entwicklungen in Europa auseinander: nicht mit explodierenden Stadtagglomerationen also, sondern eher mit schrumpfenden Städten.

 

Unser Schwerpunkt liegt dabei auf Mittel- und Osteuropa und Ostdeutschland, wo sich die Städte seit den 1990er-Jahren – unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen – extrem und extrem schnell verändert haben: die Stadtzentren wurden auf Hochglanz poliert, die Stadtränder veröden. In den Innenstädten steigen die Preise und aufgrund fehlender Arbeitsmöglichkeiten wandern viele in andere – oft westliche – Industriestandorte ab. Was geschieht nun in und mit den aufgelassenen Industriegebieten, was in den verödenden Stadtvierteln? Wie kann man Architektur und urbane Struktur kreativ umgestalten,funktional und sozial sinnvoll umnutzen? Diesen Fragen bezüglich des Wandels von ehemals sozialistisch geprägten hin zu modernen Städten spüren Künstler, Architekten und Stadtplaner nach am Beispiel von Vilnius und Riga, von Skopje und Ust’-Ilimsk, von Frankfurt/Oder und Dresden.

 

Aufbruch und Neuorientierung sollten eigentlich immer mit einer Bestandsaufnahme beginnen, einer Aufarbeitung der Vergangenheit und zuweilen auch mit der Trauer über den Verlust – wofür wir uns meist viel zu wenig Zeit nehmen...

 

Kristina Inciuraite nimmt sich die Zeit – am Beispiel verschiedener Orte in Vilnius: Sie setzt sich in ihren Videoarbeiten mit entleerten Räumen, mit sinn- und funktionslos gewordener Architektur auseinander und spürt sie der poetischen und utopischen Qualität von Nostalgie nach – im Veranstaltungssaal des ehemaligen Kulturzentrums oder im Saal des zwischenzeitlich geschlossenen Hotels „Gintaras“. Der Kinderchor und die Sowjet-Schlager-Band rufen Erinnerungen wach an Gemeinschaftsabende der Partei und an rauschende Tanzveranstaltungen zu Sowjetzeiten: vielleicht war in der Vergangenheit doch nicht alles ganz so schlecht und vielleicht wäre das eine oder andere hinüberzuretten in die „neue Welt“?

 

Am Anfang unseres Fokus’ auf Riga steht die Fotodokumentation von Albert Caspari:

er verfolgte auf zahlreichen Reisen die Entwicklung der lettischen Hauptstadt seit 1990, als das Baltikum noch Teil der Sowjetunion war. Er dokumentierte die schnellen Veränderungen in der Innenstadt in den 1990er-Jahren, die Kommerzialisierung, den Verdrängungswettbewerb, notwendige und positive Modernisierung sowie unwiederbringliche Verluste z.B. von traditionellen Holzbauten.

 

Heute unternimmt Riga große Anstrengungen, sich als Kulturmetropole nicht nur in architekturhistorischer Hinsicht, sondern auch im zeitgenössischen Kontext zu etablieren. 

So wurden der renommierte niederländische Architekt Rem Koolhaas und sein Office for Metropolitan Architecture (kurz: OMA) mit den Planungen für das Museum für zeitgenössische Kunst auf der Halbinsel Andrejsala betraut: Sie sehen hier Zeichnungen, Pläne, Fotos und das Modell eines Schnittes durch das Gebäude. Koolhaas erhält das historische Kraftwerksgebäude mit seinem früh-industriellen Charakter; er entwickelt in ihm und in einem Erweiterungs-plateau, das voll verglast sein wird, so dass der Altbau stets sichtbar bleibt und größtmögliche Offenheit gewahrt sein wird, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst mit Museum, Wechsel-ausstellungsflächen, Dokumentations- und Forschungseinrichtungen sowie Werkstätten.

 

Schon jetzt ist das ehemalige Industriegebiet und die einstige Sperrzone, die Halbinsel Andrejsala, ein Zentrum zeitgenössischer Kultur; Ausstellungsräume wie die „Kantine“, kleine Museen, Werkräume, die „Kulturwerkshalle“, ein Künstlerhostel sind hier zu finden, zahlreiche freie Gruppen haben sich hier etabliert und das neue, sehr offene Museum für zeitgenössische Kunst mit freiem Eintritt wird die Lebendigkeit und Attraktivität eines aufgelassenen Industriegeländes noch verstärken.

 

Während sich in Shakespeares „Sturm“ – trotz aller Magie – letztlich nichts ändert an der ursprünglichen Ordnung, ist hier vielleicht ein positives Gegenbeispiel im Entstehen begriffen:

Kunst, Kreativität und Kooperation unterschiedlichster Mitspieler (vom Staat bis hin zu alternativen, freien Gruppen) entwickeln ihre eigene Magie und Dynamik; das Projekt Andrejsala läßt  hoffen, dass hier etwas entsteht, von dem man mit Prospero sagen könnte: „ein Stoff, aus dem die Träume sind“.

 

Dann stellen wir Ihnen vor drei Untersuchungen ganz und gar unterschiedlicher Art größere urbane, politische und soziokulturelle Zusammenhänge betreffend:  Der aus Sofia stammende Künstler Luchezar Boyadjiev, der in den vergangenen Jahren auf zahlreichen Biennalen vertreten war, setzt sich mit der unkontrollierten Überflutung der Städte mit Leuchtreklamen und Großplakaten auseinander; die Langzeitstudie u.a. in seiner Heimatstadt Sofia sowie in Budapest, Bukarest und Istanbul belegt, dass die Politik im urbanen öffentlichen Raum längst von der Ökonomie verdrängt wurde. Und an dieser Stelle sind wir wieder sehr nah bei Huxleys „Schöner neuen Welt“: mit den Verhältnissen haben sich zwar die Zeichen geändert, nicht aber das Ziel: die Beeinflussung menschlichen Denkens und Handelns. 

         

                            Grcev                                        Koneska & Balov                            Hadzi Pulja & Bakalcev

 

Gerade die Zeichen, die alle Veränderungen überdauern, suchen die mazedonischen Architekten Minas Bakalchev, Mitko Hadzi-Pulja, Kokan Grchev, Kornelija Koneska und Jovan Balov aus dem architektonischen Bestand herauszufiltern: Nach der Wende, den Kriegen und der Unabhängigkeit fand sich Mazedonien als „Entwicklungsland“ wieder, in dem schnell neo-romantische nationalistische Utopien aufblühten. Die hier gezeigten „works in progress“ beschäftigten sich denn auch mit der Komplexität und dem Verhältnis zwischen Tradition und Moderne – gerade in einer neu entstehenden Gesellschaft. Hinterfragt wird die eigene (lokale, regionale, nationale) kulturelle oder architektonische Historiografie und deren Wechselwirkung mit der globalen postmodernistischen Gleichheit und Beliebigkeit. Es geht um Wende-Architektur... um das, was das „Eigene und Bleibende“ ist oder sein könnte, um das, was heute ohne Rücksicht auf Bestehendes und ohne Visionen gebaut wird – und (auf der Wand in Weiß und Gold) um Visionen, um reale – leider unrealisierte – architektonische Entwürfe für eine neue Stadt-Kultur.

 

Barbara Engel dokumentiert die Entwicklung der „Blauen Städte“ in Sibirien von den 1960er Jahren bis heute. Sie prüft auch die Möglichkeiten, diese Industrieansiedlungen den heutigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen anzupassen, z.B. in diesen monostrukturierten Großsiedlungen lebendige und attraktive Stadtteile zu entwickeln: Sie kommt zu einem nicht überraschenden Fazit: Um dem Verfall, der Verarmung und der Abwanderung Einhalt zu gebieten, muss zunächst das ehemalige zentralistische „top-down“-Planungsprinzip aufgebrochen und nicht durch neue Autoritäten (z.B. der Konzerne) ersetzt werden, sondern es müssen die Bürger aktiv in die Planungen einbezogen werden. Ähnliche Fragen stellen sich jedoch nicht nur in Mazedonien, im Baltikum oder im fernen Osten Russlands, sondern auch in einer Reihe von Städten und Regionen im nahen deutschen  Osten  – und auch hier finden sich Beispiele kreativen Umgangs mit dieser „Schönen neuen Welt“: Das, was Barbara Engel für die Blauen Städte fordert, Bürgerbeteiligung nämlich oder partizipatorische Projekte den öffentlichen Raum betreffend, steht im Mittelpunkt der höchst vielschichtigen Arbeit von Andrea Knobloch und Silke Riechert: Die beiden Künstlerinnen gehen in „Salon des belles Utopistes“ aus von der Prager Straße in Dresden, einem beeindruckenden Zeugnis (ost)deutscher Nachkriegsmoderne, und dem dortigen, 1972 erbauten, 2003 unter Denkmalschutz gestellten Rundkino: Es war und könnte wieder werden ein Zentrum von Kultur und Kommunikation, ein städtischer Identifikationspunkt und ein herausragender städtebaulicher Solitär.

 

Zunächst standen im Vordergrund der Auseinandersetzung der Künstlerinnen mit dem Rundkino partizipatorische Aktivitäten zum Erhalt und zur Nutzung des Rundkinos, der Aufbau eines interdisziplinären Netzwerkes, das 2005 in den Verein Rundkino e.V. mündete. Es folgten autonome künstlerische Auseinandersetzungen mit Fragen „rund ums Rundkino“:  zu Raum als Ort oder Konstrukt für soziales Handeln, zu Form und Funktion öffentlicher Räume in Architektur und Städtebau, und zu partizipatorischen Prozessen. Es entstehen „mindmaps“,  Zeichnungen, die die Fragilität, die Unberechenbarkeit von partizipatorischen Prozessen wiederspiegeln. Und auch die skulpturalen Modellentwürfe sind geprägt von einer großer Offenheit: sie changieren zwischen „strenger Moderne“ und spielerischer Postmoderne; sie sind – wie die Zeichnungen und die Rauminstallationen – zu verstehen, als Erprobungen neuer Möglichkeiten und (wie Annelie Pohlen im Katalog schreibt) als „Modelle für dynamische gesellschaftliche Partizipation – auch in der Kunst“. 

 

Mit diesen letzteren Arbeiten möchten wir darauf hinweisen, dass (was wir hier in Stuttgart zuweilen vergessen) auch Deutschland sich noch immer „im Umbau“ befindet – und keineswegs nur der Osten Deutschlands: Interdisziplinäre, kreative, künstlerische und partizipatorische Ansätze bereichern immer und überall stadtplanerische, politische und administrative Projekte (was wir hier vor Ort z.B. bei der Entwicklung von Stuttgart 21 vermissen); sie tragen dazu bei, unsere Städte den ökonomischen, politischen und sozialen Veränderungen gemäß umzugestalten – und zwar so, dass sie für uns Bewohner lebenswert bleiben oder werden; so, dass wir nicht – wie in Huxleys „Brave New World“ – Gleichheit befürchten müssen, sondern so, dass wir Veränderung kreativ und positiv mitgestalten,

so, dass wir mit Shakespeares Miranda – ein wenig skeptisch, vielleicht auch ein bisschen ironisch – von einer vielleicht doch ganz schönen neuen Welt sprechen können.

 

Iris Lenz

Leiterin der ifa-Galerie Stuttgart

Institut für Auslandsbeziehungen

 

 

2008

 Work in Progress - Stuttgart

Brave New World - Berlin

 

2007

 

2006

Easy Transort

 

2005

Meething the Angel

Edward Lucie Smith

Alian Body

 

2004

 Not in the sky & on the earth

 

2003

 

2002

 

2001

 

2000

Acud Berlin